| Leben| 9 Juni 2026|

Die Gelangweilten

Sonja, 59, und Thomas, 61, haben im vergangenen Jahr ihr Unternehmen verkauft und freuten sich auf das große Dolce-Vita-Gefühl. Das sich allerdings als sterbenslangweilig herausstellte: „Wie oft kann man golfen, bevor es öde wird?“

Thomas und ich haben Anfang 20 die Metzgerei meines Vaters übernommen, immer hart gearbeitet, den Laden vergrößert und noch einen Cateringservice dazu aufgebaut. Wir waren sieben Tage die Woche im Einsatz, fast 40 Jahre lang. Als wir ein gutes Übernahmeangebot bekamen, sagten die Kinder: „Macht das.“ Sie wollten den Betrieb nicht übernehmen, und wir träumten nach all den Jahren Schuften von Urlaub für immer. Die Entscheidung zu verkaufen, haben wir gemeinsam getroffen, auch wenn dabei ordentlich geheult wurde.

Die ersten Monate fühlten sich an wie Entzug. Danach war es schön, nichts mehr zu müssen. Wir haben ein Wohnmobil gemietet und sind durch Europa gefahren. Das wollten wir immer schon machen, aber es war früher nie Zeit dafür. Nach unserer Rückkehr sind wir langsam festgefahren. Wie oft kann man golfen, bevor es langweilig wird? Wir sind wandern gegangen, aber auch das war nicht wirklich erfüllend. Sich mit Freunden zu verabreden, wurde auch schwierig, denn die arbeiteten ja ganz normal weiter und hatten am Wochenende andere Dinge vor. Es gibt Menschen, die ich öfter gesehen habe, während ich noch in der Metzgerei stand, als jetzt, wo ich alle Zeit der Welt habe.

Das Schwierige daran, kein Ziel mehr zu haben, ist, dass die Zeit so langsam vergeht. Als wir noch gearbeitet haben, stand ich um halb sieben auf, jetzt manchmal erst um halb zehn, weil ich sonst meinen Tag einfach nicht umkriege. Vor zwölf habe ich die Wohnung aufgeräumt, die Pflanzen gegossen und den Einkauf erledigt. Thomas wurschtelt ein bisschen im Garten herum, werkelt im Haus und macht genau wie ich ein bisschen Ehrenamt. Wir haben einfach viel zu viel Zeit.

Ich weiß, manche Leute können endlos Freizeit verbringen, aber ich habe nicht die Ruhe, ständig Bummeln zu gehen oder einfach eine Runde Rad zu fahren. Es gibt für mich Grenzen bei der Anzahl der Museen, die ich besuchen kann, ohne mich irgendwann zu fragen: Was mache ich hier eigentlich? Langsam fühlt es sich mehr nach Beschäftigungstherapie an als nach echtem Interesse.

Ich vermisse auch den Anschluss an meine Freundinnen. Man kann sich schlecht bei jemandem, der Vollzeit arbeitet und zu Hause drei eigensinnige Teenager sitzen hat, beschweren, dass man nicht weiß, wohin mit sich. Abgesehen davon, dass ich mich schlecht fühle, ihnen davon zu erzählen, wie ich meine Zeit totschlage. Ich vermisse den Kontakt zu Kolleginnen, Kollegen und Kunden und die Geschäftigkeit unseres eigenen Betriebs. Damals war es manchmal zu viel, aber wir standen mitten im Leben. Und genau das fehlt mir. Die Unruhe, die Herausforderung, abends fertig, aber zufrieden aufs Sofa zu fallen.

Für mein Gefühl haben wir inzwischen alles gemacht, wonach wir uns so gesehnt haben, als wir noch arbeiten mussten. Immer öfter beschleicht mich der Gedanke: Und jetzt? Die Kinder machen ihr eigenes Ding, Enkelkinder gibt es noch keine, auf die wir aufpassen könnten. Ich würde gern wieder arbeiten, aber ich bilde mir nicht ein, dass irgendjemand auf mich wartet. Außerdem finde ich den Gedanken unangenehm, dann jemandem den Platz wegzunehmen, der das Geld nötiger braucht als ich.

So, wie wir jetzt leben, ist es auch nicht gut für unsere Beziehung. Wir sind es gewohnt, zusammenzuarbeiten, aber im Betrieb hatte jeder von uns seine eigenen Aufgaben. Zu Hause stehen wir einander im Weg. Es ist fast schon ein Wettkampf, wer mittags kochen darf. Manchmal denken wir laut über etwas Neues nach: eine Pension in Norwegen eröffnen, ein Wohnzimmerrestaurant, irgendwas. Könnten wir natürlich machen. Aber was ich mir tief in meinem Herzen am meisten wünschen würde, ist, einfach wieder in unserem alten Laden zu stehen. Für immer Urlaub zu haben ist unfassbar langweilig. Wir haben wirklich viel zu früh aufgehört.“

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| 9 Juni 2026| Leben|

Die Gelangweilten

Sonja, 59, und Thomas, 61, haben im vergangenen Jahr ihr Unternehmen verkauft und freuten sich auf das große Dolce-Vita-Gefühl. Das sich allerdings als sterbenslangweilig herausstellte: „Wie oft kann man golfen, bevor es öde wird?“

Thomas und ich haben Anfang 20 die Metzgerei meines Vaters übernommen, immer hart gearbeitet, den Laden vergrößert und noch einen Cateringservice dazu aufgebaut. Wir waren sieben Tage die Woche im Einsatz, fast 40 Jahre lang. Als wir ein gutes Übernahmeangebot bekamen, sagten die Kinder: „Macht das.“ Sie wollten den Betrieb nicht übernehmen, und wir träumten nach all den Jahren Schuften von Urlaub für immer. Die Entscheidung zu verkaufen, haben wir gemeinsam getroffen, auch wenn dabei ordentlich geheult wurde.

Die ersten Monate fühlten sich an wie Entzug. Danach war es schön, nichts mehr zu müssen. Wir haben ein Wohnmobil gemietet und sind durch Europa gefahren. Das wollten wir immer schon machen, aber es war früher nie Zeit dafür. Nach unserer Rückkehr sind wir langsam festgefahren. Wie oft kann man golfen, bevor es langweilig wird? Wir sind wandern gegangen, aber auch das war nicht wirklich erfüllend. Sich mit Freunden zu verabreden, wurde auch schwierig, denn die arbeiteten ja ganz normal weiter und hatten am Wochenende andere Dinge vor. Es gibt Menschen, die ich öfter gesehen habe, während ich noch in der Metzgerei stand, als jetzt, wo ich alle Zeit der Welt habe.

Das Schwierige daran, kein Ziel mehr zu haben, ist, dass die Zeit so langsam vergeht. Als wir noch gearbeitet haben, stand ich um halb sieben auf, jetzt manchmal erst um halb zehn, weil ich sonst meinen Tag einfach nicht umkriege. Vor zwölf habe ich die Wohnung aufgeräumt, die Pflanzen gegossen und den Einkauf erledigt. Thomas wurschtelt ein bisschen im Garten herum, werkelt im Haus und macht genau wie ich ein bisschen Ehrenamt. Wir haben einfach viel zu viel Zeit.

Ich weiß, manche Leute können endlos Freizeit verbringen, aber ich habe nicht die Ruhe, ständig Bummeln zu gehen oder einfach eine Runde Rad zu fahren. Es gibt für mich Grenzen bei der Anzahl der Museen, die ich besuchen kann, ohne mich irgendwann zu fragen: Was mache ich hier eigentlich? Langsam fühlt es sich mehr nach Beschäftigungstherapie an als nach echtem Interesse.

Ich vermisse auch den Anschluss an meine Freundinnen. Man kann sich schlecht bei jemandem, der Vollzeit arbeitet und zu Hause drei eigensinnige Teenager sitzen hat, beschweren, dass man nicht weiß, wohin mit sich. Abgesehen davon, dass ich mich schlecht fühle, ihnen davon zu erzählen, wie ich meine Zeit totschlage. Ich vermisse den Kontakt zu Kolleginnen, Kollegen und Kunden und die Geschäftigkeit unseres eigenen Betriebs. Damals war es manchmal zu viel, aber wir standen mitten im Leben. Und genau das fehlt mir. Die Unruhe, die Herausforderung, abends fertig, aber zufrieden aufs Sofa zu fallen.

Für mein Gefühl haben wir inzwischen alles gemacht, wonach wir uns so gesehnt haben, als wir noch arbeiten mussten. Immer öfter beschleicht mich der Gedanke: Und jetzt? Die Kinder machen ihr eigenes Ding, Enkelkinder gibt es noch keine, auf die wir aufpassen könnten. Ich würde gern wieder arbeiten, aber ich bilde mir nicht ein, dass irgendjemand auf mich wartet. Außerdem finde ich den Gedanken unangenehm, dann jemandem den Platz wegzunehmen, der das Geld nötiger braucht als ich.

So, wie wir jetzt leben, ist es auch nicht gut für unsere Beziehung. Wir sind es gewohnt, zusammenzuarbeiten, aber im Betrieb hatte jeder von uns seine eigenen Aufgaben. Zu Hause stehen wir einander im Weg. Es ist fast schon ein Wettkampf, wer mittags kochen darf. Manchmal denken wir laut über etwas Neues nach: eine Pension in Norwegen eröffnen, ein Wohnzimmerrestaurant, irgendwas. Könnten wir natürlich machen. Aber was ich mir tief in meinem Herzen am meisten wünschen würde, ist, einfach wieder in unserem alten Laden zu stehen. Für immer Urlaub zu haben ist unfassbar langweilig. Wir haben wirklich viel zu früh aufgehört.“