| Leben| 19 Mai 2026|

Der ständige Weißweinpegel

Natürlich trinkt Sascha viel zu viel. Aber ach, seit Jahren geht das doch gut. Und ganz aufzuhören ist ja auch wieder so ungemütlich. Bis sie eine Expertin interviewt: „Ich sehe dir an, dass du trinkst.“

„Eigentlich schade“, ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, als ich an einem Sonntagabend die Flasche Sauvignon Blanc in den Ausguss kippe. Danach denke ich: gut gemacht. Denn jetzt ist wirklich mal Schluss mit dem Alkohol. Es war einfach zu viel geworden. An einem ganz normalen Wochentag trinke ich jeden Abend drei Gläser Wein. Und wenn irgendwo gefeiert wird, bin ich ziemlich schnell bei einer ganzen Flasche. Vor allem hochgebildete Frauen trinken „gefährlich viel“: mehr als zwei Gläser pro Tag.

Das stellte die OECD in einem Bericht über Alkoholkonsum in westlichen Ländern fest. Sigrid Sijthoff, Ärztin und Gründerin der Behandlungsmethode und Praxis „Kick your Habits“, glaubt, dass das daran liegt, dass Frauen oft wahnsinnig viel gleichzeitig schaffen müssen: Familie, Arbeit, Freundschaften, Freizeit. Und dass dieses eine Glas Weißwein am Abend sich dann anfühlt wie die wohlverdiente Belohnung nach einem beschissenen Tag.

Wie schlimm ist es eigentlich bei mir? Ich mache einen Test auf der Website einer Suchtklinik. Ergebnis: Ich habe ein erhöhtes Risiko, alkoholabhängig zu werden. Ich bin es also noch nicht. Aber ich könnte es ziemlich problemlos werden.
Aus genau diesem Grund habe ich letztes Jahr einen Monat lang nicht getrunken. Das ging erstaunlich gut. Der schöne Nebeneffekt von einem Monat ohne Alkohol: Man wacht nie mehr mit diesem Apfelmus-Gefühl im Kopf auf. Und man schläft deutlich besser. Als dann Der-Tag-An-Dem-Ich-Wieder-Trinken-Durfte kam, kippte ich auf einer Terrasse völlig mühelos wieder drei Gläser Wein weg. Und zack, war ich wieder auf meinem alten Niveau.

Im vergangenen September wollte ich wieder einen Monat pausieren. Nach fünf Tagen saß ich mit einer Kollegin im Café, die sagte: „Wollen wir ein Glas Wein nehmen?“ Ich dachte: eins nur. Und das ging auch gut. Als ich nach Hause kam, saß mein Mann mit zwei Freunden auf dem Sofa, alle mit Bierflaschen in der Hand. Tja. Da will man ja auch nicht die Spaßbremse sein. In der Woche darauf kam jemand zum Essen, die Flasche wurde nicht leer, also musste ich am nächsten Tag die Reste trinken. Irgendwann habe ich diesen Monat einfach aufgegeben.

Wenn ganz aufhören nicht klappt, warum dann nicht einfach weniger trinken? Das geht, sagt Sigrid Sijthoff. Aber erst nach einer Phase, in der man gar nichts trinkt. Alkohol beeinflusst den präfrontalen Cortex, also den Teil des Gehirns, der für Planung und Kontrolle zuständig ist. „Durch Alkohol fällt die Kontrolle weg. Und wenn die Kontrolle wegfällt, willst du mehr“, sagt die Ärztin.

Außerdem verstärkt Alkohol auch noch Wechseljahresbeschwerden wie Schwitzen und Hitzewallungen. Kurz gesagt: Ganz aufzuhören ist wirklich besser für die Gesundheit. Und für das Aussehen übrigens auch, denn Sijthoff sagt: „Ich sehe dir an, dass du trinkst.“ Uff.

Also aufhören, sagt Sijthoff. Und zwar nicht einen Monat, sondern 66 Tage. Es sei wissenschaftlich belegt, dass diese Zeit nötig ist, um die Struktur des Gehirns so zu verändern, dass wieder ein Gleichgewicht entsteht zwischen der Abteilung Planung und Kontrolle und dem Reptilienhirn. Sie findet allerdings, dass man in diesen 66 Tagen etwas anderes an die Stelle des Trinkens setzen muss. „Es klingt vielleicht wahnsinnig spießig“, sagt Sijthoff, „aber früher hatten Menschen Hobbys.“

Ich denke sofort an diesen Fotokurs, den ich seit einem halben Jahr machen will. Und an all die Kilometer, die ich nach der Arbeit laufen könnte, aber nicht laufe, weil ich getrunken habe. Vielleicht ist es dann doch zu schaffen.

Text: Sascha van Dijk

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| 19 Mai 2026| Leben|

Der ständige Weißweinpegel

Natürlich trinkt Sascha viel zu viel. Aber ach, seit Jahren geht das doch gut. Und ganz aufzuhören ist ja auch wieder so ungemütlich. Bis sie eine Expertin interviewt: „Ich sehe dir an, dass du trinkst.“

„Eigentlich schade“, ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, als ich an einem Sonntagabend die Flasche Sauvignon Blanc in den Ausguss kippe. Danach denke ich: gut gemacht. Denn jetzt ist wirklich mal Schluss mit dem Alkohol. Es war einfach zu viel geworden. An einem ganz normalen Wochentag trinke ich jeden Abend drei Gläser Wein. Und wenn irgendwo gefeiert wird, bin ich ziemlich schnell bei einer ganzen Flasche. Vor allem hochgebildete Frauen trinken „gefährlich viel“: mehr als zwei Gläser pro Tag.

Das stellte die OECD in einem Bericht über Alkoholkonsum in westlichen Ländern fest. Sigrid Sijthoff, Ärztin und Gründerin der Behandlungsmethode und Praxis „Kick your Habits“, glaubt, dass das daran liegt, dass Frauen oft wahnsinnig viel gleichzeitig schaffen müssen: Familie, Arbeit, Freundschaften, Freizeit. Und dass dieses eine Glas Weißwein am Abend sich dann anfühlt wie die wohlverdiente Belohnung nach einem beschissenen Tag.

Wie schlimm ist es eigentlich bei mir? Ich mache einen Test auf der Website einer Suchtklinik. Ergebnis: Ich habe ein erhöhtes Risiko, alkoholabhängig zu werden. Ich bin es also noch nicht. Aber ich könnte es ziemlich problemlos werden.
Aus genau diesem Grund habe ich letztes Jahr einen Monat lang nicht getrunken. Das ging erstaunlich gut. Der schöne Nebeneffekt von einem Monat ohne Alkohol: Man wacht nie mehr mit diesem Apfelmus-Gefühl im Kopf auf. Und man schläft deutlich besser. Als dann Der-Tag-An-Dem-Ich-Wieder-Trinken-Durfte kam, kippte ich auf einer Terrasse völlig mühelos wieder drei Gläser Wein weg. Und zack, war ich wieder auf meinem alten Niveau.

Im vergangenen September wollte ich wieder einen Monat pausieren. Nach fünf Tagen saß ich mit einer Kollegin im Café, die sagte: „Wollen wir ein Glas Wein nehmen?“ Ich dachte: eins nur. Und das ging auch gut. Als ich nach Hause kam, saß mein Mann mit zwei Freunden auf dem Sofa, alle mit Bierflaschen in der Hand. Tja. Da will man ja auch nicht die Spaßbremse sein. In der Woche darauf kam jemand zum Essen, die Flasche wurde nicht leer, also musste ich am nächsten Tag die Reste trinken. Irgendwann habe ich diesen Monat einfach aufgegeben.

Wenn ganz aufhören nicht klappt, warum dann nicht einfach weniger trinken? Das geht, sagt Sigrid Sijthoff. Aber erst nach einer Phase, in der man gar nichts trinkt. Alkohol beeinflusst den präfrontalen Cortex, also den Teil des Gehirns, der für Planung und Kontrolle zuständig ist. „Durch Alkohol fällt die Kontrolle weg. Und wenn die Kontrolle wegfällt, willst du mehr“, sagt die Ärztin.

Außerdem verstärkt Alkohol auch noch Wechseljahresbeschwerden wie Schwitzen und Hitzewallungen. Kurz gesagt: Ganz aufzuhören ist wirklich besser für die Gesundheit. Und für das Aussehen übrigens auch, denn Sijthoff sagt: „Ich sehe dir an, dass du trinkst.“ Uff.

Also aufhören, sagt Sijthoff. Und zwar nicht einen Monat, sondern 66 Tage. Es sei wissenschaftlich belegt, dass diese Zeit nötig ist, um die Struktur des Gehirns so zu verändern, dass wieder ein Gleichgewicht entsteht zwischen der Abteilung Planung und Kontrolle und dem Reptilienhirn. Sie findet allerdings, dass man in diesen 66 Tagen etwas anderes an die Stelle des Trinkens setzen muss. „Es klingt vielleicht wahnsinnig spießig“, sagt Sijthoff, „aber früher hatten Menschen Hobbys.“

Ich denke sofort an diesen Fotokurs, den ich seit einem halben Jahr machen will. Und an all die Kilometer, die ich nach der Arbeit laufen könnte, aber nicht laufe, weil ich getrunken habe. Vielleicht ist es dann doch zu schaffen.

Text: Sascha van Dijk