| Leben| 12 Mai 2026|

Graue Haare – Verlebte Alte oder Eiskönigin?

Marietta wechselte von langem gefärbtem Haar zu kurz und grau. Zwei Jahre lang lief sie verunsichert mit einer Frisur durchs Leben, die nach gar nichts aussah. Hat es sich gelohnt?

Ich war die Frau mit den langen braunen Haaren. Mal offen, mal als Pferdeschwanz, mal hochgesteckt. 20 Jahre lang schmierte ich mir alle zwei Wochen routiniert eine halbe Packung L’Oréal Mittelbraun auf den Ansatz und den weißen Streifen im Scheitel. Irgendwann begann mein Haar auszufallen, büschelweise. Die Farbe hielt immer schlechter, und meine Haare bekamen einen grünlichen Schimmer. Jahrelang konnte ich noch locker als Frau Ende 30 durchgehen, aber als ich in die Wechseljahre schlitterte, war plötzlich Schluss. Ich begriff, dass ich eine Illusion von mir selbst aufrechterhielt.

Wie die meisten Frauen bespreche ich alles mit meinen Freundinnen. Also auch den Entschluss, nicht mehr zu färben. Die Ratschläge gingen in zwei Richtungen. Die einen sagten: Lass es doch einfach wachsen. Das waren übrigens meistens Frauen, die selbst nicht färbten. Entweder, weil sie es nicht mussten, oder weil sie sich selbst schon längst „hatten gehen lassen“. Die meisten anderen sagten: Bloß nicht! Du bist viel zu jung, um alt zu sein. Und das waren wiederum auffallend oft Frauen, die ihre Haare selbst färbten. Eine dunkel gefärbte Bekannte mit weißer Rennbahn auf dem Kopf geriet fast in Panik, als sie mich darüber reden hörte. Sie rief: „Oh nein, weiterfärben! Männer HASSEN Frauen mit grauen Haaren!“ Seltsamerweise fühlte ich mich nach diesem Satz erst recht darin bestärkt, aufzuhören. Nicht, weil ich Männer abschrecken wollte, sondern weil ich nicht aus genau dieser Angst heraus mit Männern umgehen wollte.

Plötzlich sah ich überall junge Frauen mit grauen Haaren. Für sie war Grau das neue Schwarz. Ich googelte und landete schnell bei einer Bewegung namens „Going Grey“. Eine ganze Welt aus YouTube-Videos tat sich vor mir auf. In Amerika umarmten Frauen offenbar längst ihr natürliches Selbst. Ihre Geschichten konnten sie mir ehrlich gesagt schenken. Ich schaute vor allem auf die Vorher-nachher-Bilder und stellte fest: Jede Going-Grey-Frau sah nach ihrer Verwandlung besser und jünger aus.

Worüber ich mir allerdings große Sorgen machte, war die Übergangsphase. Braun gefärbtes Haar, so wie meins, wächst orange heraus. Wenn man ungefähr zehn Zentimeter geschafft hat, also sagen wir: zehn Monate, sieht man aus wie ein Dauerlutscher. Oben über den Ohren ist alles grau, aber unter der geraden Linie, an der noch Farbe hängt, beginnt ein melierter, strohiger Trümmerhaufen. Was ich überhaupt nicht verstand: Warum färbten diese Frauen ihre noch gefärbten Haare nicht einfach grau, wie all die jungen Mädchen? Ein völlig logischer Gedanke, mit dem ich beim Friseur aufschlug. Aber natürlich war ich nicht die Erste mit dieser brillanten Idee. Und ich konnte es vergessen. Dafür müsste man das Haar erst komplett blondieren und anschließend eine graue Tönung darüberkippen. Weil mein Haar aber schon gefärbt war, und außerdem schwer lädiert, ging das nicht.

Also sagte ich: Dann schneid sie eben kurz. Mein Rat an alle Leserinnen, die Ähnliches erwägen: Lasst es. Von einem Moment auf den anderen ist man ein völlig anderer Mensch. Geföhnt, gestylt und frisch vom Friseur war dieser Rattenkopf noch halbwegs auszuhalten. Aber morgens nach dem Aufstehen klebte mein Haar platt am Hinterkopf, während es vorne in alle Himmelsrichtungen abstand. Und es war grau. Ich hatte die Frisur einer dementen Oma.

Meine Freundinnen waren meistens lieb. Sie umschifften das Thema „kurze Haare“ und sagten, dass mir das Grau gut stehe. Manche Menschen waren ehrlicher. „Oh Gott, wie furchtbar!“, rief ein Mann, der mich seit Jahrzehnten anbetete. „Du warst doch immer so ein heißes Weib.“

Gelernte Lektion: Going Grey ist okay, aber die Übergangsphase ist die Hölle. Ich lebte zwei Jahre unter einem Stein, bis mein Friseur wieder so etwas wie eine elegante Frisur daraus schneiden konnte. Inzwischen ist mein Haar wieder richtig lang, Gott sei Dank. Und komplett grau. Genau wie bei all den Going-Grey-Frauen sieht mein After besser aus als mein Before. Niemand findet mich wegen meiner grauen Haare alt oder hässlich. Und der Mann, der mich früher ein heißes Weib fand, versuchte neulich, mich zu küssen.

Text: Mariëtta Nollen

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| 12 Mai 2026| Leben|

Graue Haare – Verlebte Alte oder Eiskönigin?

Marietta wechselte von langem gefärbtem Haar zu kurz und grau. Zwei Jahre lang lief sie verunsichert mit einer Frisur durchs Leben, die nach gar nichts aussah. Hat es sich gelohnt?

Ich war die Frau mit den langen braunen Haaren. Mal offen, mal als Pferdeschwanz, mal hochgesteckt. 20 Jahre lang schmierte ich mir alle zwei Wochen routiniert eine halbe Packung L’Oréal Mittelbraun auf den Ansatz und den weißen Streifen im Scheitel. Irgendwann begann mein Haar auszufallen, büschelweise. Die Farbe hielt immer schlechter, und meine Haare bekamen einen grünlichen Schimmer. Jahrelang konnte ich noch locker als Frau Ende 30 durchgehen, aber als ich in die Wechseljahre schlitterte, war plötzlich Schluss. Ich begriff, dass ich eine Illusion von mir selbst aufrechterhielt.

Wie die meisten Frauen bespreche ich alles mit meinen Freundinnen. Also auch den Entschluss, nicht mehr zu färben. Die Ratschläge gingen in zwei Richtungen. Die einen sagten: Lass es doch einfach wachsen. Das waren übrigens meistens Frauen, die selbst nicht färbten. Entweder, weil sie es nicht mussten, oder weil sie sich selbst schon längst „hatten gehen lassen“. Die meisten anderen sagten: Bloß nicht! Du bist viel zu jung, um alt zu sein. Und das waren wiederum auffallend oft Frauen, die ihre Haare selbst färbten. Eine dunkel gefärbte Bekannte mit weißer Rennbahn auf dem Kopf geriet fast in Panik, als sie mich darüber reden hörte. Sie rief: „Oh nein, weiterfärben! Männer HASSEN Frauen mit grauen Haaren!“ Seltsamerweise fühlte ich mich nach diesem Satz erst recht darin bestärkt, aufzuhören. Nicht, weil ich Männer abschrecken wollte, sondern weil ich nicht aus genau dieser Angst heraus mit Männern umgehen wollte.

Plötzlich sah ich überall junge Frauen mit grauen Haaren. Für sie war Grau das neue Schwarz. Ich googelte und landete schnell bei einer Bewegung namens „Going Grey“. Eine ganze Welt aus YouTube-Videos tat sich vor mir auf. In Amerika umarmten Frauen offenbar längst ihr natürliches Selbst. Ihre Geschichten konnten sie mir ehrlich gesagt schenken. Ich schaute vor allem auf die Vorher-nachher-Bilder und stellte fest: Jede Going-Grey-Frau sah nach ihrer Verwandlung besser und jünger aus.

Worüber ich mir allerdings große Sorgen machte, war die Übergangsphase. Braun gefärbtes Haar, so wie meins, wächst orange heraus. Wenn man ungefähr zehn Zentimeter geschafft hat, also sagen wir: zehn Monate, sieht man aus wie ein Dauerlutscher. Oben über den Ohren ist alles grau, aber unter der geraden Linie, an der noch Farbe hängt, beginnt ein melierter, strohiger Trümmerhaufen. Was ich überhaupt nicht verstand: Warum färbten diese Frauen ihre noch gefärbten Haare nicht einfach grau, wie all die jungen Mädchen? Ein völlig logischer Gedanke, mit dem ich beim Friseur aufschlug. Aber natürlich war ich nicht die Erste mit dieser brillanten Idee. Und ich konnte es vergessen. Dafür müsste man das Haar erst komplett blondieren und anschließend eine graue Tönung darüberkippen. Weil mein Haar aber schon gefärbt war, und außerdem schwer lädiert, ging das nicht.

Also sagte ich: Dann schneid sie eben kurz. Mein Rat an alle Leserinnen, die Ähnliches erwägen: Lasst es. Von einem Moment auf den anderen ist man ein völlig anderer Mensch. Geföhnt, gestylt und frisch vom Friseur war dieser Rattenkopf noch halbwegs auszuhalten. Aber morgens nach dem Aufstehen klebte mein Haar platt am Hinterkopf, während es vorne in alle Himmelsrichtungen abstand. Und es war grau. Ich hatte die Frisur einer dementen Oma.

Meine Freundinnen waren meistens lieb. Sie umschifften das Thema „kurze Haare“ und sagten, dass mir das Grau gut stehe. Manche Menschen waren ehrlicher. „Oh Gott, wie furchtbar!“, rief ein Mann, der mich seit Jahrzehnten anbetete. „Du warst doch immer so ein heißes Weib.“

Gelernte Lektion: Going Grey ist okay, aber die Übergangsphase ist die Hölle. Ich lebte zwei Jahre unter einem Stein, bis mein Friseur wieder so etwas wie eine elegante Frisur daraus schneiden konnte. Inzwischen ist mein Haar wieder richtig lang, Gott sei Dank. Und komplett grau. Genau wie bei all den Going-Grey-Frauen sieht mein After besser aus als mein Before. Niemand findet mich wegen meiner grauen Haare alt oder hässlich. Und der Mann, der mich früher ein heißes Weib fand, versuchte neulich, mich zu küssen.

Text: Mariëtta Nollen