
Zu früh Oma
Die Tochter von Silke, 58, war gerade im Abi-Jahr, als sie schwanger wurde. Sie selbst war überglücklich, Silke eher nicht. Statt ihr leeres Nest zu genießen, püriere sie wieder Obstbrei. Lagebericht einer zu frühen Oma:
Strahlend kam sie nach Hause, meine tolle, kluge Tochter: „Mama, ich bin schwanger.“ Gerade 18, erster richtiger Freund. Zehn Jahre Aufklärung über Verhütung und Safer Sex hatte ich in sie hineingepumpt. Wie oft hatte ich ihr eingebläut: „Doppelt hält besser, Pille und Kondom.“ Tja. Offenbar vergeblich. Ich musste mich erst mal hinsetzen. Auch, weil sie selbst so glücklich war und mich erwartungsvoll ansah. Mit der ganzen Naivität einer Jugendlichen, die das irgendwie aufregend fand und keinen blassen Schimmer hatte, was da alles auf sie zukommt.
Ehrlich gesagt konnte ich es nicht über mich bringen, ihr sofort um den Hals zu fallen. Mit 18 macht man den Führerschein. Man geht auf Interrail, zieht in eine WG oder fängt den ersten Job an. Man ist doch selbst noch ein Kind. Die werdenden Eltern sahen das deutlich sonniger. Während wir mit den Eltern ihres Freundes in gedrückter Krisenrunde zusammensaßen, plapperten die beiden schon fröhlich über Namen. Wir sprachen über ihre Ausbildung, über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs, über Kosten und über die gewaltige Wucht, die das alles haben würde. Aber sie blieben stur dabei: Sie wollten das Kind bekommen.
Was in der Praxis bedeutete: Wir mussten alle mitziehen. Wir räumten ein Zimmer leer, der werdende Vater zog schon mal ein paar Tage pro Woche bei uns ein, seine Eltern kauften die ganze Babyausstattung. Meine Tochter war im sechsten Monat schwanger, als sie ihr Abitur machte. Statt ihre Sachen zu packen, damit sie irgendwo anders ihr eigenes Leben anfangen konnte, packte ich Windeln aus. Und sehnte mich heimlich nach einem leeren Nest.
Sie ist unser Nachzügler, ihre Brüder sind schon lange aus dem Haus. Ich hatte mich darauf gefreut, unser Zuhause wieder für uns zu haben. Nicht mehr ständig Rücksicht nehmen zu müssen auf noch ein Kind. Stattdessen saß ich drei Monate später nicht nur noch mit meinem eigenen Kind unter einem Dach, sondern auch mit dem Kind von anderen Leuten und einem Enkelkind. In einem Einfamilienhaus, das plötzlich wieder aus allen Nähten platzte.
Sie haben eine Tochter bekommen, ein wirklich süßes kleines Mädchen. Sie geben sich Mühe, so viel wie möglich selbst zu machen. Aber sie sind jetzt 19 ihre Freund:innen feiern sich durchs Leben, und das schafft natürlich Spannungen. Einige sind schon abgesprungen, ihre Beziehung steht manchmal ziemlich unter Druck. Darüber liege ich dann wieder wach. Außerdem haben wir vereinbart, dass beide eine Ausbildung oder ein Studium abschließen, damit sie später auf eigenen Beinen stehen können. Es muss also auch gelernt werden. In der Praxis stehe ich also ziemlich oft wieder da und mache Obstbrei oder wechsle Windeln.
Ich arbeite drei Tage die Woche, die andere Oma passt viel auf, die Opas opfern Urlaubstage, wenn es eng wird. Es ist eine Teamleistung, mit der wir unseren Kindern und ihrem Kind hoffentlich helfen. An guten Tagen lebe ich im Frieden damit und bin froh, dass alle einen sicheren Ort haben. An schlechten Tagen kotzen mich all die Menschen in meinem Haus an. Dass ich fast nie allein bin. Dass ich kaum noch einfach mein Ding machen kann. Dass ich nachts wach werde, weil meine Enkelin nicht schlafen kann und ich ihre Eltern herumwurschteln höre. Dass der Kühlschrank wieder voller Breichen und Gläschen steht, dass Hochstuhl und Laufstall das Wohnzimmer genauso vollstopfen wie damals, als ich selbst kleine Kinder hatte.
Manchmal ärgere ich mich auch über die Selbstverständlichkeit, mit der meine Tochter davon ausgegangen ist, dass sie dieses Kind bekommt und wir ihr schon helfen werden. Nicht, dass ich auch nur eine Sekunde gedacht hätte: Sieh doch zu, wie du klarkommst. Aber wenn ich sie seufzen höre, wie schwer das alles ist, denke ich schon: Hallo, ich hatte mir diese Phase meines Lebens auch anders vorgestellt. Trotzdem bleibt sie mein Kind. Wenn ich sage: „Dann geh halt arbeiten, damit du genug Geld für eine eigene Wohnung verdienst“, hängt sie ohne Ausbildung wahrscheinlich den Rest ihres Lebens irgendwo am unteren Rand des Arbeitsmarkts herum. Also entscheide ich mich im Moment dafür, ein paar Jahre die Zähne zusammenzubeißen. In der Hoffnung, dass sie davon die nächsten 50 Jahre abgesichert ist. Aber ganz ehrlich: Für mich hätte das nicht sein müssen.

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Zu früh Oma
Die Tochter von Silke, 58, war gerade im Abi-Jahr, als sie schwanger wurde. Sie selbst war überglücklich, Silke eher nicht. Statt ihr leeres Nest zu genießen, püriere sie wieder Obstbrei. Lagebericht einer zu frühen Oma:
Strahlend kam sie nach Hause, meine tolle, kluge Tochter: „Mama, ich bin schwanger.“ Gerade 18, erster richtiger Freund. Zehn Jahre Aufklärung über Verhütung und Safer Sex hatte ich in sie hineingepumpt. Wie oft hatte ich ihr eingebläut: „Doppelt hält besser, Pille und Kondom.“ Tja. Offenbar vergeblich. Ich musste mich erst mal hinsetzen. Auch, weil sie selbst so glücklich war und mich erwartungsvoll ansah. Mit der ganzen Naivität einer Jugendlichen, die das irgendwie aufregend fand und keinen blassen Schimmer hatte, was da alles auf sie zukommt.
Ehrlich gesagt konnte ich es nicht über mich bringen, ihr sofort um den Hals zu fallen. Mit 18 macht man den Führerschein. Man geht auf Interrail, zieht in eine WG oder fängt den ersten Job an. Man ist doch selbst noch ein Kind. Die werdenden Eltern sahen das deutlich sonniger. Während wir mit den Eltern ihres Freundes in gedrückter Krisenrunde zusammensaßen, plapperten die beiden schon fröhlich über Namen. Wir sprachen über ihre Ausbildung, über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs, über Kosten und über die gewaltige Wucht, die das alles haben würde. Aber sie blieben stur dabei: Sie wollten das Kind bekommen.
Was in der Praxis bedeutete: Wir mussten alle mitziehen. Wir räumten ein Zimmer leer, der werdende Vater zog schon mal ein paar Tage pro Woche bei uns ein, seine Eltern kauften die ganze Babyausstattung. Meine Tochter war im sechsten Monat schwanger, als sie ihr Abitur machte. Statt ihre Sachen zu packen, damit sie irgendwo anders ihr eigenes Leben anfangen konnte, packte ich Windeln aus. Und sehnte mich heimlich nach einem leeren Nest.
Sie ist unser Nachzügler, ihre Brüder sind schon lange aus dem Haus. Ich hatte mich darauf gefreut, unser Zuhause wieder für uns zu haben. Nicht mehr ständig Rücksicht nehmen zu müssen auf noch ein Kind. Stattdessen saß ich drei Monate später nicht nur noch mit meinem eigenen Kind unter einem Dach, sondern auch mit dem Kind von anderen Leuten und einem Enkelkind. In einem Einfamilienhaus, das plötzlich wieder aus allen Nähten platzte.
Sie haben eine Tochter bekommen, ein wirklich süßes kleines Mädchen. Sie geben sich Mühe, so viel wie möglich selbst zu machen. Aber sie sind jetzt 19 ihre Freund:innen feiern sich durchs Leben, und das schafft natürlich Spannungen. Einige sind schon abgesprungen, ihre Beziehung steht manchmal ziemlich unter Druck. Darüber liege ich dann wieder wach. Außerdem haben wir vereinbart, dass beide eine Ausbildung oder ein Studium abschließen, damit sie später auf eigenen Beinen stehen können. Es muss also auch gelernt werden. In der Praxis stehe ich also ziemlich oft wieder da und mache Obstbrei oder wechsle Windeln.
Ich arbeite drei Tage die Woche, die andere Oma passt viel auf, die Opas opfern Urlaubstage, wenn es eng wird. Es ist eine Teamleistung, mit der wir unseren Kindern und ihrem Kind hoffentlich helfen. An guten Tagen lebe ich im Frieden damit und bin froh, dass alle einen sicheren Ort haben. An schlechten Tagen kotzen mich all die Menschen in meinem Haus an. Dass ich fast nie allein bin. Dass ich kaum noch einfach mein Ding machen kann. Dass ich nachts wach werde, weil meine Enkelin nicht schlafen kann und ich ihre Eltern herumwurschteln höre. Dass der Kühlschrank wieder voller Breichen und Gläschen steht, dass Hochstuhl und Laufstall das Wohnzimmer genauso vollstopfen wie damals, als ich selbst kleine Kinder hatte.
Manchmal ärgere ich mich auch über die Selbstverständlichkeit, mit der meine Tochter davon ausgegangen ist, dass sie dieses Kind bekommt und wir ihr schon helfen werden. Nicht, dass ich auch nur eine Sekunde gedacht hätte: Sieh doch zu, wie du klarkommst. Aber wenn ich sie seufzen höre, wie schwer das alles ist, denke ich schon: Hallo, ich hatte mir diese Phase meines Lebens auch anders vorgestellt. Trotzdem bleibt sie mein Kind. Wenn ich sage: „Dann geh halt arbeiten, damit du genug Geld für eine eigene Wohnung verdienst“, hängt sie ohne Ausbildung wahrscheinlich den Rest ihres Lebens irgendwo am unteren Rand des Arbeitsmarkts herum. Also entscheide ich mich im Moment dafür, ein paar Jahre die Zähne zusammenzubeißen. In der Hoffnung, dass sie davon die nächsten 50 Jahre abgesichert ist. Aber ganz ehrlich: Für mich hätte das nicht sein müssen.





