
Aufdecken oder schweigen?
Katharina, 54: Meine gute Freundin Elise und ich arbeiten im selben Krankenhaus. Sie ist Ärztin, ich bin Krankenschwester. Wir wohnen im selben Dorf und kennen uns über die Schule unserer Kinder. Elise ist mit Martin verheiratet. Auch er ist Arzt. Martin ist ein grundanständiger Kerl. Zumindest habe ich ihn immer so gesehen, und ich vermute, Elise sieht das genauso. Er hat ein Herz für seine Patienten, ist ein präsenter Vater, und seine Ehe wirkt stabiler als die der meisten Paare, die ich kenne. Genau deshalb fällt es mir so unglaublich schwer, dass ich seit etwa einem Jahr Dinge höre, die beunruhigend sind.
Zuerst war alles noch sehr vage und kam nur über Umwege bei mir an. Während einer Nachtschicht erzählte mir eine jüngere Kollegin, dass es Gerüchte über Martin gebe. Er soll Grenzen von Pflegeschülerinnen überschritten haben. Die Kollegin sagte, sie würden ihn einen ‚ekligen Mann‘ nennen und einander warnen, nicht mit ihm allein in einem Raum zu sein. Ich versuchte herauszufinden, was genau passiert war, aber so richtig klar wurde mir das nicht. Also habe ich es in meinem Kopf unter ‚Gerede und Gerüchteküche im Krankenhaus‘ abgelegt und nicht weiter darüber nachgedacht.
Bis ich Simone, eine Kollegin aus der Pflege, mit der ich befreundet bin, zu einem Grillabend in unserem Garten einlud. Erst reagierte sie begeistert, aber als ich sagte, dass Elise und Martin auch kommen würden, versteifte sie sich. ‚Nein, tut mir leid, wenn dieses Arschloch auch kommt, bin ich raus‘, sagte sie. Ich war völlig perplex. Sie erzählte, dass vor Kurzem bei der Arbeit etwas sehr Unangenehmes mit Martin passiert sei. Ich versuchte herauszubekommen, was genau los war, aber sie wollte nicht ins Detail gehen. ‚Katharina, er hat mich angefasst, und ich war danach völlig fertig. Bin ich immer noch, wenn ich daran zurückdenke. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas in meinem Alter noch passieren kann. Und dass ich nichts gesagt und nichts getan habe. Wirklich, halt bitte den Mund. Ich will nicht weiter darüber reden.‘
Natürlich habe ich ihr das versprochen. Aber nachdem der erste Schock etwas abgeklungen war, habe ich dieses Versprechen verflucht. Soll ich das jetzt für immer für mich behalten? Ich habe inzwischen mehrfach gehört, dass Martin Frauen gegenüber übergriffig ist, und ich kann nichts damit anfangen. Bin ich als Elises Freundin verpflichtet, es ihr zu sagen? Oder soll ich mich da raushalten? Ich habe keine einzige konkrete Geschichte, aber ich kann auch nicht so tun, als wäre das alles völlig harmlos. Was macht man mit so etwas? Ich denke mich wahnsinnig, und währenddessen tue ich Elise und Martin gegenüber so, als wäre alles in bester Ordnung. Wie lange halte ich das noch durch?“
Protokoll: Femke Sterken

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Aufdecken oder schweigen?
Katharina, 54: Meine gute Freundin Elise und ich arbeiten im selben Krankenhaus. Sie ist Ärztin, ich bin Krankenschwester. Wir wohnen im selben Dorf und kennen uns über die Schule unserer Kinder. Elise ist mit Martin verheiratet. Auch er ist Arzt. Martin ist ein grundanständiger Kerl. Zumindest habe ich ihn immer so gesehen, und ich vermute, Elise sieht das genauso. Er hat ein Herz für seine Patienten, ist ein präsenter Vater, und seine Ehe wirkt stabiler als die der meisten Paare, die ich kenne. Genau deshalb fällt es mir so unglaublich schwer, dass ich seit etwa einem Jahr Dinge höre, die beunruhigend sind.
Zuerst war alles noch sehr vage und kam nur über Umwege bei mir an. Während einer Nachtschicht erzählte mir eine jüngere Kollegin, dass es Gerüchte über Martin gebe. Er soll Grenzen von Pflegeschülerinnen überschritten haben. Die Kollegin sagte, sie würden ihn einen ‚ekligen Mann‘ nennen und einander warnen, nicht mit ihm allein in einem Raum zu sein. Ich versuchte herauszufinden, was genau passiert war, aber so richtig klar wurde mir das nicht. Also habe ich es in meinem Kopf unter ‚Gerede und Gerüchteküche im Krankenhaus‘ abgelegt und nicht weiter darüber nachgedacht.
Bis ich Simone, eine Kollegin aus der Pflege, mit der ich befreundet bin, zu einem Grillabend in unserem Garten einlud. Erst reagierte sie begeistert, aber als ich sagte, dass Elise und Martin auch kommen würden, versteifte sie sich. ‚Nein, tut mir leid, wenn dieses Arschloch auch kommt, bin ich raus‘, sagte sie. Ich war völlig perplex. Sie erzählte, dass vor Kurzem bei der Arbeit etwas sehr Unangenehmes mit Martin passiert sei. Ich versuchte herauszubekommen, was genau los war, aber sie wollte nicht ins Detail gehen. ‚Katharina, er hat mich angefasst, und ich war danach völlig fertig. Bin ich immer noch, wenn ich daran zurückdenke. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas in meinem Alter noch passieren kann. Und dass ich nichts gesagt und nichts getan habe. Wirklich, halt bitte den Mund. Ich will nicht weiter darüber reden.‘
Natürlich habe ich ihr das versprochen. Aber nachdem der erste Schock etwas abgeklungen war, habe ich dieses Versprechen verflucht. Soll ich das jetzt für immer für mich behalten? Ich habe inzwischen mehrfach gehört, dass Martin Frauen gegenüber übergriffig ist, und ich kann nichts damit anfangen. Bin ich als Elises Freundin verpflichtet, es ihr zu sagen? Oder soll ich mich da raushalten? Ich habe keine einzige konkrete Geschichte, aber ich kann auch nicht so tun, als wäre das alles völlig harmlos. Was macht man mit so etwas? Ich denke mich wahnsinnig, und währenddessen tue ich Elise und Martin gegenüber so, als wäre alles in bester Ordnung. Wie lange halte ich das noch durch?“
Protokoll: Femke Sterken





