| Leben| 9 Juni 2026|

Bin ich jetzt diese Frau mit der kurzen Zündschnur?

Du denkst, du wirst langsam verrückt. Dabei sind es nur die Wechseljahre, die deinen Körper, deine gute Laune, dein Selbstvertrauen und deine ganze Art, im Leben zu stehen, einmal gründlich in die Tonne treten.

Burn-out? Nein. Vielleicht depressiv? Auch nicht. Ich hatte eher das Gefühl, langsam den Verstand zu verlieren. Jahrelang konnte ich stundenlang durcharbeiten, plötzlich war meine Konzentration verschwunden und mein Gedächtnis ein Sieb. Frühdemenz? Im Bett trampelte mein Herz auf eine Weise, die mich einen Herzinfarkt befürchten ließ. Unruhe im Kopf, immer müde, nicht nur vom schlechten Schlaf, sondern von allem. Die Vorstellung, für eine Verabredung mit einer Freundin in die Stadt zu müssen, fühlte sich an wie eine Himalaya-Expedition. Und ganz merkwürdig: Ich konnte auf einmal den Mund nicht mehr halten.

Lass mich das erklären: Mein ganzes Leben lang gehe ich als extreme introvertierte Person Konfrontationen am liebsten aus dem Weg. In der Menopause wies ich wildfremde Menschen zurecht, mit Zynismus, wilder Wut und tödlichen Blicken. Eine Frau, die an einem Samstagmorgen eine Kassiererin mies behandelte, weil sie kurz hatte warten müssen, fragte ich, ob sie an diesem Tag vielleicht noch eine lebensrettende Gehirnoperation durchführen müsse. Bei einem Mann, der an einem heißen Tag mit seinem Hund an der Leine Fahrrad fuhr, wurde ich zum feuerspeienden Drachen. Und die Bekannte, die passiv-aggressiv bemerkte, ich solle meiner Gesundheit zuliebe abnehmen, bekam zu hören, sie solle ihre saure, magere Klappe halten, weil es sie nichts anginge. Ich erschrak vor mir selbst. Und gleichzeitig fühlte es sich herrlich an, endlich keinen Dreck darauf zu geben, wie es rüberkam.

Es war, kurz gesagt, eine außerordentlich verwirrende Zeit, in der ich mich selbst beinahe an einen kurz angebundenen Rottweiler verlor, von dem ich nicht wusste, dass er in mir steckte. Auch auf anderen Ebenen war ich mir selbst fremd geworden. Früher ging ich drei-, viermal pro Woche aus: ins Kino, ins Theater, auf Konzerte. Plötzlich fand ich daran nichts mehr: zu voll, zu viele Menschen, zu warm, zu viel Aufwand. An die Stelle trat nichts Neues. Ich brauchte all meine Energie, um meine Arbeit zu schaffen. Darüber hinaus wollte ich vor allem in Ruhe gelassen werden und Windbeutel in mich hineinschieben. Bei meiner früher sehr gemäßigten Freundin Iris lief es genau andersherum: Sie wurde zu einem rauchenden, wodkatrinkenden Nachtfalter, der seinen studierenden und entsprechend schockierten Kindern beim Ausgehen über den Weg lief. „Ich weiß auch nicht, woher das kommt“, sagte sie. „Ich bin letztes Wochenende neben einem Mann aufgewacht, dessen Namen ich nicht kannte. So bin ich doch überhaupt nicht.“

Es ist ein Trost, dass man, sobald der Groschen gefallen ist, dass man in den Wechseljahren steckt und nichts mehr je so sein wird wie früher, nicht die Einzige ist. Meine beste Freundin Lisa verwandelte sich von einer selbstständigen Karrierefrau in eine, wie sie selbst sagte, „lahme Mo-Di-Do-Frau“. Zu müde für Vollzeit, zu schnell überwältigt von Dingen, die sie früher noch vor dem ersten Kaffee locker weggearbeitet hatte, ihr Selbstvertrauen verdampft, ihre Ambitionen verschwunden. Mit einer superabsorbierenden Einlage in der Unterhose lässt es sich nun mal auch nicht mehr ganz so lässig vor einem Saal präsentieren, aber erklär das mal Männern oder jüngeren Menschen. Manchmal saßen wir zusammen auf dem Sofa, eine Schale Windbeutel zwischen uns, und schluchzten bei jeder Filmszene, die auch nur andeutungsweise auf die Tränendrüse drückte. „Das ist jetzt also unser Leben“, sagten wir und sahen einander ratlos an.

Eine dritte Freundin, Dorothea, verwandelte sich von einer nachgiebigen Mutter Erde in einen Drill Sergeant, der ihre faulen Teenager mit sichtlicher Lust zur Arbeit brüllte, bis sie zu ihrem Vater zogen. Sie blieb allein zurück, teils erleichtert, teils schuldbewusst. Ließ sich die Lippen aufspritzen, ging auf Tinder, ging ins Retreat. „Ich habe vor allem nach Halt gesucht“, sagt sie. „Was ich früher gern mochte, gab mir plötzlich nicht mehr viel, aber ich hatte keine Ahnung, was mir stattdessen gefallen könnte. Es gab auch nicht besonders viel, worüber ich mich freuen konnte. Wechseljahrsnebel, Gelenkschmerzen, es ist doch die erste ernsthafte und anhaltende Konfrontation damit, dass man weit über die Hälfte ist. Also probierte ich alles Mögliche aus. Es ist traurig, festzustellen, dass einem zum Beispiel Musik, die man immer geliebt hat, nicht mehr viel gibt und auch nichts Neues an ihre Stelle tritt. Ich dachte oft: Wie soll das jetzt weitergehen? Wie verhindere ich, dass ich ein bitteres altes Weib werde, wenn mir nichts mehr Spaß macht? Ich fühlte mich steuerlos in einem Alter, in dem alle denken, man hätte alles bestens im Griff.“

Es hilft nicht, dass die Wechseljahre eine Phase sind, in der auch im nahen Umfeld oft viel passiert, siehe Pubertiere und alternde Eltern. „Mit gesundem Menschenverstand war ich froh, dass mein Jüngster auszog“, sagt Annalena. „Er war so weit, man investiert all diese Jahre ja genau da rein, die Kinder selbstständig und überlebensfähig zu machen. Aber es machte mich auch emotional, weil es mich damit konfrontierte, dass für ihn noch alles vor ihm lag, während ich selbst das Gefühl hatte, für alles sei es zu spät. Ich war in die Pflegefalle geraten, musste mich im Job mit blutjungen Ehrgeizmaschinen messen, und das alles mindestens bis 67, mit zu wenig Schlaf und Energie und viel zu wenig Freude in meinem Leben. Ich habe mich damit ziemlich verrückt gemacht, dass ich das schaffen müsste, dass ich einfach ‚schöne Dinge‘ unternehmen sollte. Und dann stand ich beim Zumba und dachte: Was mache ich hier eigentlich? Es ist deprimierend, die Begeisterung für Dinge zu verlieren, es nimmt dem Leben den Glanz. Und wenn man mittendrin steckt, kann man sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder vorbei geht.“

Das Wort „Verlorenheit“ fällt ziemlich oft, wenn es um die Wechseljahre geht. Eine Hitzewallung bedeutet nicht: „kurz warm und weiter geht’s“, sie kann dich ein glühend heißes Viertelstündchen lang komplett aus der Bahn werfen und erschöpfen. Die Vergesslichkeit ist beängstigend, die Angst, als alte Nervensäge gesehen zu werden, auch. „Ich arbeitete in einem Team mit vielen jungen Leuten“, sagt Esther, 54. „Manchmal war ich froh, wenn ich zwei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen hatte, aber ich wollte mir nichts anmerken lassen, also machte ich einfach mit. Dabei fühlte ich mich unsichtbar. Ich war zu einer etwas zu dicken Frau geworden, die alles gerade so schaffte, aber es durfte nichts Unerwartetes passieren, denn dann stürzte das Kartenhaus ein. Als die x-te Umstrukturierung angekündigt wurde, brach ich im Büro in Tränen aus. Sie dachten, ich sei überarbeitet. Das finden Menschen akzeptabler, als todkrank zu sein, weil deine Hormone dich im Stich lassen. Ich wollte übrigens nicht weitermachen, ich habe die Abfindung genommen und arbeite jetzt Teilzeit. Das hätte ich zehn Jahre früher undenkbar gefunden, aber es war mir egal. Und dass es mir egal war, das war auch neu für mich.“

Ebenso verwirrend: wenn eine halbwegs vertraute Libido plötzlich komplett explodiert. „Ich war 51 und hatte auf einmal viel mehr Lust auf Sex als sonst“, sagt Diane, 55. „Für meinen Mann musste das nicht unbedingt sein, und damit war der Schritt zu einer Affäre plötzlich gar nicht mehr so groß. Normalerweise bin ich nicht gleichgültig, aber das habe ich einfach passieren lassen. Die Affäre verlief im Sande, und als ich danach meine Periode nicht mehr bekam, saß ich wochenlang völlig nervös da und dachte, ich sei schwanger. Es dauerte absurd lange, bis ich begriff, dass ich einfach nie wieder meine Periode bekommen würde.“

Die gute Nachricht ist: Es hört wieder auf. Bei der einen früher, bei der anderen später. Aber wenn man sich umsieht, entdeckt man erstaunlich viele 60- und 70-Jährige, die in sich ruhen, vor Energie strotzen und verwilderte, erschöpfte Frauen Mitte 50 links und rechts überholen. Unklar ist, ob man sich so erholt, weil die Zeit davor so beschissen war und alles besser ist als das, oder ob hormonell einfach wieder ein freundlicheres Gleichgewicht entsteht, das die Lebenslust zurückbringt. Aber es ist immerhin etwas, worauf man sich freuen kann.

Bei den meisten Frauen – auch bei mir – werden die Hitzewallungen nach der Menopause milder. Nachts wird wieder mehr geschlafen als gewühlt und geschwitzt, ich habe mehr Energie, und auch mein Fokus kehrt nach zehn Jahren langsam, aber sicher zurück. Unfassbar langweilige Dinge wie gesundes Essen, genug Bewegung und ausreichend Ruhe haben geholfen, die Steuerlosigkeit in mehr Struktur zu verwandeln. Auch angenehm ist das wachsende Selbstbewusstsein, das es leichter macht, öfter Nein zu sagen zu Dingen, auf die man wirklich keine Lust hat, sodass mehr Zeit übrig bleibt für Dinge, die man tatsächlich tun will. Wie früher wird es nie wieder, diese Zeit ist vorbei. Aber man lässt sich nicht mehr so schnell verrückt machen, und irgendwann kommen neue Dinge, die Teil drei des Lebens lebenswert machen. Hoffnung hält uns am Leben.

Text: Ella Vermeulen

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| 9 Juni 2026| Leben|

Bin ich jetzt diese Frau mit der kurzen Zündschnur?

Du denkst, du wirst langsam verrückt. Dabei sind es nur die Wechseljahre, die deinen Körper, deine gute Laune, dein Selbstvertrauen und deine ganze Art, im Leben zu stehen, einmal gründlich in die Tonne treten.

Burn-out? Nein. Vielleicht depressiv? Auch nicht. Ich hatte eher das Gefühl, langsam den Verstand zu verlieren. Jahrelang konnte ich stundenlang durcharbeiten, plötzlich war meine Konzentration verschwunden und mein Gedächtnis ein Sieb. Frühdemenz? Im Bett trampelte mein Herz auf eine Weise, die mich einen Herzinfarkt befürchten ließ. Unruhe im Kopf, immer müde, nicht nur vom schlechten Schlaf, sondern von allem. Die Vorstellung, für eine Verabredung mit einer Freundin in die Stadt zu müssen, fühlte sich an wie eine Himalaya-Expedition. Und ganz merkwürdig: Ich konnte auf einmal den Mund nicht mehr halten.

Lass mich das erklären: Mein ganzes Leben lang gehe ich als extreme introvertierte Person Konfrontationen am liebsten aus dem Weg. In der Menopause wies ich wildfremde Menschen zurecht, mit Zynismus, wilder Wut und tödlichen Blicken. Eine Frau, die an einem Samstagmorgen eine Kassiererin mies behandelte, weil sie kurz hatte warten müssen, fragte ich, ob sie an diesem Tag vielleicht noch eine lebensrettende Gehirnoperation durchführen müsse. Bei einem Mann, der an einem heißen Tag mit seinem Hund an der Leine Fahrrad fuhr, wurde ich zum feuerspeienden Drachen. Und die Bekannte, die passiv-aggressiv bemerkte, ich solle meiner Gesundheit zuliebe abnehmen, bekam zu hören, sie solle ihre saure, magere Klappe halten, weil es sie nichts anginge. Ich erschrak vor mir selbst. Und gleichzeitig fühlte es sich herrlich an, endlich keinen Dreck darauf zu geben, wie es rüberkam.

Es war, kurz gesagt, eine außerordentlich verwirrende Zeit, in der ich mich selbst beinahe an einen kurz angebundenen Rottweiler verlor, von dem ich nicht wusste, dass er in mir steckte. Auch auf anderen Ebenen war ich mir selbst fremd geworden. Früher ging ich drei-, viermal pro Woche aus: ins Kino, ins Theater, auf Konzerte. Plötzlich fand ich daran nichts mehr: zu voll, zu viele Menschen, zu warm, zu viel Aufwand. An die Stelle trat nichts Neues. Ich brauchte all meine Energie, um meine Arbeit zu schaffen. Darüber hinaus wollte ich vor allem in Ruhe gelassen werden und Windbeutel in mich hineinschieben. Bei meiner früher sehr gemäßigten Freundin Iris lief es genau andersherum: Sie wurde zu einem rauchenden, wodkatrinkenden Nachtfalter, der seinen studierenden und entsprechend schockierten Kindern beim Ausgehen über den Weg lief. „Ich weiß auch nicht, woher das kommt“, sagte sie. „Ich bin letztes Wochenende neben einem Mann aufgewacht, dessen Namen ich nicht kannte. So bin ich doch überhaupt nicht.“

Es ist ein Trost, dass man, sobald der Groschen gefallen ist, dass man in den Wechseljahren steckt und nichts mehr je so sein wird wie früher, nicht die Einzige ist. Meine beste Freundin Lisa verwandelte sich von einer selbstständigen Karrierefrau in eine, wie sie selbst sagte, „lahme Mo-Di-Do-Frau“. Zu müde für Vollzeit, zu schnell überwältigt von Dingen, die sie früher noch vor dem ersten Kaffee locker weggearbeitet hatte, ihr Selbstvertrauen verdampft, ihre Ambitionen verschwunden. Mit einer superabsorbierenden Einlage in der Unterhose lässt es sich nun mal auch nicht mehr ganz so lässig vor einem Saal präsentieren, aber erklär das mal Männern oder jüngeren Menschen. Manchmal saßen wir zusammen auf dem Sofa, eine Schale Windbeutel zwischen uns, und schluchzten bei jeder Filmszene, die auch nur andeutungsweise auf die Tränendrüse drückte. „Das ist jetzt also unser Leben“, sagten wir und sahen einander ratlos an.

Eine dritte Freundin, Dorothea, verwandelte sich von einer nachgiebigen Mutter Erde in einen Drill Sergeant, der ihre faulen Teenager mit sichtlicher Lust zur Arbeit brüllte, bis sie zu ihrem Vater zogen. Sie blieb allein zurück, teils erleichtert, teils schuldbewusst. Ließ sich die Lippen aufspritzen, ging auf Tinder, ging ins Retreat. „Ich habe vor allem nach Halt gesucht“, sagt sie. „Was ich früher gern mochte, gab mir plötzlich nicht mehr viel, aber ich hatte keine Ahnung, was mir stattdessen gefallen könnte. Es gab auch nicht besonders viel, worüber ich mich freuen konnte. Wechseljahrsnebel, Gelenkschmerzen, es ist doch die erste ernsthafte und anhaltende Konfrontation damit, dass man weit über die Hälfte ist. Also probierte ich alles Mögliche aus. Es ist traurig, festzustellen, dass einem zum Beispiel Musik, die man immer geliebt hat, nicht mehr viel gibt und auch nichts Neues an ihre Stelle tritt. Ich dachte oft: Wie soll das jetzt weitergehen? Wie verhindere ich, dass ich ein bitteres altes Weib werde, wenn mir nichts mehr Spaß macht? Ich fühlte mich steuerlos in einem Alter, in dem alle denken, man hätte alles bestens im Griff.“

Es hilft nicht, dass die Wechseljahre eine Phase sind, in der auch im nahen Umfeld oft viel passiert, siehe Pubertiere und alternde Eltern. „Mit gesundem Menschenverstand war ich froh, dass mein Jüngster auszog“, sagt Annalena. „Er war so weit, man investiert all diese Jahre ja genau da rein, die Kinder selbstständig und überlebensfähig zu machen. Aber es machte mich auch emotional, weil es mich damit konfrontierte, dass für ihn noch alles vor ihm lag, während ich selbst das Gefühl hatte, für alles sei es zu spät. Ich war in die Pflegefalle geraten, musste mich im Job mit blutjungen Ehrgeizmaschinen messen, und das alles mindestens bis 67, mit zu wenig Schlaf und Energie und viel zu wenig Freude in meinem Leben. Ich habe mich damit ziemlich verrückt gemacht, dass ich das schaffen müsste, dass ich einfach ‚schöne Dinge‘ unternehmen sollte. Und dann stand ich beim Zumba und dachte: Was mache ich hier eigentlich? Es ist deprimierend, die Begeisterung für Dinge zu verlieren, es nimmt dem Leben den Glanz. Und wenn man mittendrin steckt, kann man sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder vorbei geht.“

Das Wort „Verlorenheit“ fällt ziemlich oft, wenn es um die Wechseljahre geht. Eine Hitzewallung bedeutet nicht: „kurz warm und weiter geht’s“, sie kann dich ein glühend heißes Viertelstündchen lang komplett aus der Bahn werfen und erschöpfen. Die Vergesslichkeit ist beängstigend, die Angst, als alte Nervensäge gesehen zu werden, auch. „Ich arbeitete in einem Team mit vielen jungen Leuten“, sagt Esther, 54. „Manchmal war ich froh, wenn ich zwei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen hatte, aber ich wollte mir nichts anmerken lassen, also machte ich einfach mit. Dabei fühlte ich mich unsichtbar. Ich war zu einer etwas zu dicken Frau geworden, die alles gerade so schaffte, aber es durfte nichts Unerwartetes passieren, denn dann stürzte das Kartenhaus ein. Als die x-te Umstrukturierung angekündigt wurde, brach ich im Büro in Tränen aus. Sie dachten, ich sei überarbeitet. Das finden Menschen akzeptabler, als todkrank zu sein, weil deine Hormone dich im Stich lassen. Ich wollte übrigens nicht weitermachen, ich habe die Abfindung genommen und arbeite jetzt Teilzeit. Das hätte ich zehn Jahre früher undenkbar gefunden, aber es war mir egal. Und dass es mir egal war, das war auch neu für mich.“

Ebenso verwirrend: wenn eine halbwegs vertraute Libido plötzlich komplett explodiert. „Ich war 51 und hatte auf einmal viel mehr Lust auf Sex als sonst“, sagt Diane, 55. „Für meinen Mann musste das nicht unbedingt sein, und damit war der Schritt zu einer Affäre plötzlich gar nicht mehr so groß. Normalerweise bin ich nicht gleichgültig, aber das habe ich einfach passieren lassen. Die Affäre verlief im Sande, und als ich danach meine Periode nicht mehr bekam, saß ich wochenlang völlig nervös da und dachte, ich sei schwanger. Es dauerte absurd lange, bis ich begriff, dass ich einfach nie wieder meine Periode bekommen würde.“

Die gute Nachricht ist: Es hört wieder auf. Bei der einen früher, bei der anderen später. Aber wenn man sich umsieht, entdeckt man erstaunlich viele 60- und 70-Jährige, die in sich ruhen, vor Energie strotzen und verwilderte, erschöpfte Frauen Mitte 50 links und rechts überholen. Unklar ist, ob man sich so erholt, weil die Zeit davor so beschissen war und alles besser ist als das, oder ob hormonell einfach wieder ein freundlicheres Gleichgewicht entsteht, das die Lebenslust zurückbringt. Aber es ist immerhin etwas, worauf man sich freuen kann.

Bei den meisten Frauen – auch bei mir – werden die Hitzewallungen nach der Menopause milder. Nachts wird wieder mehr geschlafen als gewühlt und geschwitzt, ich habe mehr Energie, und auch mein Fokus kehrt nach zehn Jahren langsam, aber sicher zurück. Unfassbar langweilige Dinge wie gesundes Essen, genug Bewegung und ausreichend Ruhe haben geholfen, die Steuerlosigkeit in mehr Struktur zu verwandeln. Auch angenehm ist das wachsende Selbstbewusstsein, das es leichter macht, öfter Nein zu sagen zu Dingen, auf die man wirklich keine Lust hat, sodass mehr Zeit übrig bleibt für Dinge, die man tatsächlich tun will. Wie früher wird es nie wieder, diese Zeit ist vorbei. Aber man lässt sich nicht mehr so schnell verrückt machen, und irgendwann kommen neue Dinge, die Teil drei des Lebens lebenswert machen. Hoffnung hält uns am Leben.

Text: Ella Vermeulen