| Leben| 17 Juni 2026|

Alkoholikerin oder nicht?

Einer meiner Kneipenfreunde schreibt mir ein paarmal pro Woche und fragt, ob ich noch ins Lokal komme. Meistens tue ich das nicht, Freitagabend reicht mir eigentlich. Unter der Woche ist es dort ein bisschen leer und traurig, es erinnert dann an dieses berühmte Bild von Edward Hopper. Außerdem bin ich nicht von allen Stammgästen gleich begeistert. Manche sagen nie ein Wort, andere quatschen dich in Grund und Boden. Aber selbst wenn die Kneipe sieben Tage die Woche vor Leben sprühen würde, wäre ich nicht ständig dort

Auf seine Nachrichten antworte ich meistens mit etwas wie: „Muss morgen arbeiten“ oder „Keine Lust“. Ganz selten schreibe ich die darunterliegende Wahrheit: Es gibt drei ziemlich dringende Gründe, nicht dauernd in der Kneipe zu hängen. Geld, denn es ist schweineteuer. Gewicht, denn meine Kalorien brauche ich fürs Essen. Und die Angst vor Alkoholismus.

Nach den offiziellen Richtlinien bin ich wahrscheinlich längst Alkoholikerin, denn das ist man angeblich schon ab zwei Gläsern am Tag. Als ich mich in einer verzweifelten Geldkrise einmal als Probandin für eine Medikamentenstudie melden wollte, eine sehr ungesunde Idee, wurde ich abgelehnt, nachdem ich zugegeben hatte, meistens zwischen fünf und fünfzehn Einheiten pro Woche zu trinken.

Trotzdem gibt es Abstufungen von Alkoholismus, und ich finde mich selbst nicht problematisch. Wobei die meisten Alkoholiker das vermutlich von sich sagen. Ich trinke nicht allein, nicht jeden Tag und nicht tagsüber. Ich bin keine betrunkene Heulsuse, kippe nicht um, beleidige selten jemanden, und meine betrunkene Flirtlaune gehört auch bereits der Vergangenheit an. Ich rede nur etwas lockerer mit Menschen, die ich nicht oder kaum kenne, umarme meine Freunde ein bisschen öfter – nicht auf unanständige Weise – und sehe aus irgendeinem Grund noch etwas mehr nach Muppet aus als sonst.

Ich trinke, weil ich eigentlich ziemlich schüchtern bin.

Die Kritik am Alkoholkonsum wird lauter, und natürlich zu Recht. Wir bekommen eher Krebs, wütende Menschen werden davon noch gewalttätiger, und dann gibt es noch die wirklich problematischen Alkoholiker, die gemein, aggressiv oder lebensmüde werden und betrunken Auto fahren.

In meinem Umfeld hören immer mehr Menschen mit dem Trinken auf. Alkoholfreies Bier ist im Sommer oft ausverkauft. Bei manchen dieser Leute denke ich: keinen Tag zu früh, denn das waren wirklich anstrengende Schnapsdrosseln. Bei anderen denke ich: Ach. Ich liebe meine nüchternen Freunde genauso wie meine Trinkbrüder und versuche nie, sie doch noch zu einem richtigen Bier zu überreden, denn das wäre mies. Aber solange meine Leber nicht um Gnade fleht, trinke ich selbst noch ein bisschen weiter. Vor allem am Freitagabend.

Text: Cindy Hoetmer

Unterstützt du uns?
Die erste Ausgabe von Sara Magazin, “Reifer. Wilder. Wunderbar.”, erscheint im Frühjahr 2026. Sie wird an allen Bahnhöfen in Deutschland einzeln erhältlich sein. Du kannst uns schon jetzt helfen, diese Bewegung möglich zu machen. Mit einem Abo über 15 € (drei Ausgaben, ein halbes Jahr) unterstützt du nicht nur ein neues Magazin, sondern eine größere Idee: dass Frauen unserer Generation gesehen, gehört und gefeiert werden.

| 17 Juni 2026| Leben|

Alkoholikerin oder nicht?

Einer meiner Kneipenfreunde schreibt mir ein paarmal pro Woche und fragt, ob ich noch ins Lokal komme. Meistens tue ich das nicht, Freitagabend reicht mir eigentlich. Unter der Woche ist es dort ein bisschen leer und traurig, es erinnert dann an dieses berühmte Bild von Edward Hopper. Außerdem bin ich nicht von allen Stammgästen gleich begeistert. Manche sagen nie ein Wort, andere quatschen dich in Grund und Boden. Aber selbst wenn die Kneipe sieben Tage die Woche vor Leben sprühen würde, wäre ich nicht ständig dort

Auf seine Nachrichten antworte ich meistens mit etwas wie: „Muss morgen arbeiten“ oder „Keine Lust“. Ganz selten schreibe ich die darunterliegende Wahrheit: Es gibt drei ziemlich dringende Gründe, nicht dauernd in der Kneipe zu hängen. Geld, denn es ist schweineteuer. Gewicht, denn meine Kalorien brauche ich fürs Essen. Und die Angst vor Alkoholismus.

Nach den offiziellen Richtlinien bin ich wahrscheinlich längst Alkoholikerin, denn das ist man angeblich schon ab zwei Gläsern am Tag. Als ich mich in einer verzweifelten Geldkrise einmal als Probandin für eine Medikamentenstudie melden wollte, eine sehr ungesunde Idee, wurde ich abgelehnt, nachdem ich zugegeben hatte, meistens zwischen fünf und fünfzehn Einheiten pro Woche zu trinken.

Trotzdem gibt es Abstufungen von Alkoholismus, und ich finde mich selbst nicht problematisch. Wobei die meisten Alkoholiker das vermutlich von sich sagen. Ich trinke nicht allein, nicht jeden Tag und nicht tagsüber. Ich bin keine betrunkene Heulsuse, kippe nicht um, beleidige selten jemanden, und meine betrunkene Flirtlaune gehört auch bereits der Vergangenheit an. Ich rede nur etwas lockerer mit Menschen, die ich nicht oder kaum kenne, umarme meine Freunde ein bisschen öfter – nicht auf unanständige Weise – und sehe aus irgendeinem Grund noch etwas mehr nach Muppet aus als sonst.

Ich trinke, weil ich eigentlich ziemlich schüchtern bin.

Die Kritik am Alkoholkonsum wird lauter, und natürlich zu Recht. Wir bekommen eher Krebs, wütende Menschen werden davon noch gewalttätiger, und dann gibt es noch die wirklich problematischen Alkoholiker, die gemein, aggressiv oder lebensmüde werden und betrunken Auto fahren.

In meinem Umfeld hören immer mehr Menschen mit dem Trinken auf. Alkoholfreies Bier ist im Sommer oft ausverkauft. Bei manchen dieser Leute denke ich: keinen Tag zu früh, denn das waren wirklich anstrengende Schnapsdrosseln. Bei anderen denke ich: Ach. Ich liebe meine nüchternen Freunde genauso wie meine Trinkbrüder und versuche nie, sie doch noch zu einem richtigen Bier zu überreden, denn das wäre mies. Aber solange meine Leber nicht um Gnade fleht, trinke ich selbst noch ein bisschen weiter. Vor allem am Freitagabend.

Text: Cindy Hoetmer