| Leben| 19 Mai 2026|

Noch 17 Jahre arbeiten

Wir müssen alle länger arbeiten. Aber was, wenn man schon jetzt Panik bekommt bei dem Gedanken an weitere 17 Jahre Irrsinn im Büro? Katrin Oliveira, 55, arbeitet seit ihrem 22. Lebensjahr in verschiedenen Positionen bei einer großen Versicherung:

In meinem ersten Job in diesem Unternehmen arbeiteten wir noch auf schweren Schreibmaschinen, mit diesem befriedigenden Ping am Ende jeder Zeile. Die wurden ersetzt durch WP 4.2, WP 5.3 und die 17.523 Updates, die seitdem über uns gekommen sind. Ich habe sie alle auf meiner eigenen Festplatte verarbeitet. Genau wie die – ungelogen – 28 verschiedenen Softwarepakete, die hier seit 1992 angeschafft wurden, weil der Chef, Interimsmanager, Fusionspartner oder irgendein externer Besserwisser findet, dass ‚anders‘ grundsätzlich besser ist.

Es wird immer schwieriger, bei all den Protokollen, die dazugekommen sind, nicht rebellisch zu werden. Seit einem halben Jahr machen wir zum Beispiel Zeiterfassung nach Aufgaben. Da muss man, sehr effizient natürlich, alle zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, um einzutragen, was man gerade gemacht hat. In der Zeit, die mich das pro Tag kostet, könnte ich einen ganzen Fall bearbeiten.

Die Digital Natives, also die 20 – und Anfang 30-Jährigen, die einen großen Teil meiner Kolleg:innen ausmachen, haben damit weniger Probleme. Die sind es ja ohnehin gewohnt, jeden Furz per App zu teilen. Für sie bin ich die Frau, die noch mit einem Telefon mit Wählscheibe telefoniert hat. Sie finden mich anstrengend, wenn ich sie darauf anspreche, wie sorglos sie Privates online stellen.

Außerdem haben wir so eine Art Gesundheitsprogramm. Das Programm ist freiwillig, aber ich wurde trotzdem darauf angesprochen, dass ich nicht mitmache. Von meiner Teamleiterin, von der diese Initiative auch stammt. Das ist eine Frau, die von Chiasamen und Marathonläufen lebt und findet, dass alle, die das nicht tun, sich selbst im Weg stehen. Sie will ‚eine glückliche, gesunde Arbeitsfamilie schaffen!‘, aber ich habe schon eine Familie. Und die finde ich ehrlich gesagt deutlich netter.

Es ist genau dieser Unsinn, vor dem mir graut. Und es wird immer verrückter. Man wartet nur auf die nächste Fusion, die nächste Reorganisation, den nächsten ‚Managementvisionär‘, der glaubt, das Rad neu erfunden zu haben, indem wir ab jetzt ‚ganz anders arbeiten‘. In den vergangenen anderthalb Jahren haben wir gescrumt, lean optimiert und agil gearbeitet. Jetzt steigen wir auf Teal Work um, irgendetwas Kompliziertes mit Farben, das speziell auf Selbstorganisation ausgerichtet ist.

Manchmal möchte ich schreien: ‚Lasst mich in Ruhe! Lasst mich einfach meine Arbeit machen und Kund:innen helfen!‘ Ich will nicht schon wieder anders arbeiten. Ich habe keine Lust, mich für heiße Luft begeistern zu müssen, nur damit man mich nicht für eine verbitterte alte Kuh hält. Aber ich muss. Sonst gelte ich als Störfaktor.

Und vielleicht bin ich ja auch eine verbitterte alte Kuh, der es an Flexibilität fehlt. Vielleicht ist man mit 20 einfach offener für die ‚Wholeness‘ eines Unternehmens.
Wenn ich die kommenden Jahre selbst gestalten dürfte, würde ich weiterarbeiten. Ich mag meine Arbeit. Ich habe unfassbar viel Wissen. Es ist fast ein Sport, Kund:innen wirklich gut zu helfen und Betrüger herauszufischen. Aber ich weiß jetzt schon: Es werden 17 Jahre Schlucken und Sich-Anpassen. Und davor graut mir gewaltig.

 

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| 19 Mai 2026| Leben|

Noch 17 Jahre arbeiten

Wir müssen alle länger arbeiten. Aber was, wenn man schon jetzt Panik bekommt bei dem Gedanken an weitere 17 Jahre Irrsinn im Büro? Katrin Oliveira, 55, arbeitet seit ihrem 22. Lebensjahr in verschiedenen Positionen bei einer großen Versicherung:

In meinem ersten Job in diesem Unternehmen arbeiteten wir noch auf schweren Schreibmaschinen, mit diesem befriedigenden Ping am Ende jeder Zeile. Die wurden ersetzt durch WP 4.2, WP 5.3 und die 17.523 Updates, die seitdem über uns gekommen sind. Ich habe sie alle auf meiner eigenen Festplatte verarbeitet. Genau wie die – ungelogen – 28 verschiedenen Softwarepakete, die hier seit 1992 angeschafft wurden, weil der Chef, Interimsmanager, Fusionspartner oder irgendein externer Besserwisser findet, dass ‚anders‘ grundsätzlich besser ist.

Es wird immer schwieriger, bei all den Protokollen, die dazugekommen sind, nicht rebellisch zu werden. Seit einem halben Jahr machen wir zum Beispiel Zeiterfassung nach Aufgaben. Da muss man, sehr effizient natürlich, alle zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, um einzutragen, was man gerade gemacht hat. In der Zeit, die mich das pro Tag kostet, könnte ich einen ganzen Fall bearbeiten.

Die Digital Natives, also die 20 – und Anfang 30-Jährigen, die einen großen Teil meiner Kolleg:innen ausmachen, haben damit weniger Probleme. Die sind es ja ohnehin gewohnt, jeden Furz per App zu teilen. Für sie bin ich die Frau, die noch mit einem Telefon mit Wählscheibe telefoniert hat. Sie finden mich anstrengend, wenn ich sie darauf anspreche, wie sorglos sie Privates online stellen.

Außerdem haben wir so eine Art Gesundheitsprogramm. Das Programm ist freiwillig, aber ich wurde trotzdem darauf angesprochen, dass ich nicht mitmache. Von meiner Teamleiterin, von der diese Initiative auch stammt. Das ist eine Frau, die von Chiasamen und Marathonläufen lebt und findet, dass alle, die das nicht tun, sich selbst im Weg stehen. Sie will ‚eine glückliche, gesunde Arbeitsfamilie schaffen!‘, aber ich habe schon eine Familie. Und die finde ich ehrlich gesagt deutlich netter.

Es ist genau dieser Unsinn, vor dem mir graut. Und es wird immer verrückter. Man wartet nur auf die nächste Fusion, die nächste Reorganisation, den nächsten ‚Managementvisionär‘, der glaubt, das Rad neu erfunden zu haben, indem wir ab jetzt ‚ganz anders arbeiten‘. In den vergangenen anderthalb Jahren haben wir gescrumt, lean optimiert und agil gearbeitet. Jetzt steigen wir auf Teal Work um, irgendetwas Kompliziertes mit Farben, das speziell auf Selbstorganisation ausgerichtet ist.

Manchmal möchte ich schreien: ‚Lasst mich in Ruhe! Lasst mich einfach meine Arbeit machen und Kund:innen helfen!‘ Ich will nicht schon wieder anders arbeiten. Ich habe keine Lust, mich für heiße Luft begeistern zu müssen, nur damit man mich nicht für eine verbitterte alte Kuh hält. Aber ich muss. Sonst gelte ich als Störfaktor.

Und vielleicht bin ich ja auch eine verbitterte alte Kuh, der es an Flexibilität fehlt. Vielleicht ist man mit 20 einfach offener für die ‚Wholeness‘ eines Unternehmens.
Wenn ich die kommenden Jahre selbst gestalten dürfte, würde ich weiterarbeiten. Ich mag meine Arbeit. Ich habe unfassbar viel Wissen. Es ist fast ein Sport, Kund:innen wirklich gut zu helfen und Betrüger herauszufischen. Aber ich weiß jetzt schon: Es werden 17 Jahre Schlucken und Sich-Anpassen. Und davor graut mir gewaltig.